Wenn einfache Pasta plötzlich „Gourmet“ ist
Wenn einfache Pasta plötzlich „Gourmet“ ist
Warum Food-Content auf Instagram, TikTok und Facebook immer flacher wird
Auf Instagram, TikTok und Facebook werden Food-Posts geradezu inflationär geteilt. Pasta, Döner, Spiegeleier. Drei Zutaten, ein Teller, ein Filter. Tausende Likes. Was dabei irritiert: Der Anspruch scheint mit jeder Plattform kleiner zu werden. Ein einfaches Alltagsgericht wird gefeiert, als hätte jemand kulinarisch das Rad neu erfunden.
Die Frage dahinter ist unbequem, aber berechtigt: Warum geben sich so viele Menschen mit so wenig zufrieden?
![]() |
| Food Content erfreut sich großer Beliebtheit. |
Kurze Einordnung
Food-Content ist längst kein Nischenthema mehr. Essen funktioniert visuell, emotional und schnell. Perfekt für Plattformen, die in Sekunden Aufmerksamkeit brauchen. Der Anspruch ist dabei nicht gestiegen, sondern gesunken. Nicht aus Bosheit, sondern aus System.
Wie es dazu kam
Vom Kochblog zum 15-Sekunden-Clip
Vor zehn, fünfzehn Jahren waren Foodblogs oft textlastig. Rezepte, Hintergrund, Technik. Wer Carbonara schrieb, erklärte auch warum Sahne nichts darin verloren hat.
Heute entscheidet der Algorithmus. Und der liebt einfache Reize:
-
bekannte Gerichte
-
kurze Zubereitung
-
klare Bilder
-
sofort verständlich
Je weniger Erklärung nötig ist, desto besser läuft es.
Plattform-Logik statt Kochkultur
TikTok belohnt keine Kochkunst, sondern Wiedererkennbarkeit.
Ein Döner funktioniert überall. Spiegelei auch. Niemand muss nachdenken. Niemand googelt Zutaten. Das Video „liest“ sich selbst.
Zahlen, die das Gefühl stützen
Ein paar nüchterne Fakten:
-
Laut Statista zählen „Food & Drink“-Videos zu den meistgesehenen Kategorien auf TikTok
-
Die erfolgreichsten Clips dauern oft unter 30 Sekunden
-
Rezepte mit maximal 5 Zutaten performen signifikant besser als komplexe Gerichte
-
Kommentare drehen sich selten um Technik oder Geschmack, sondern um Nostalgie oder Hunger
Das ist kein Zufall. Das ist Optimierung auf Masse.
Typische Situationen aus dem Alltag
Man scrollt abends durch Instagram.
Ein Teller Pasta. Nudeln, Butter, Pfeffer.
Text darunter: „Das beste Essen der Welt.“
5.000 Likes.
Darunter Kommentare wie:
„Mehr braucht man nicht.“
„Kindheitserinnerung.“
„Besser als Sterneküche.“
Und man fragt sich unweigerlich: Wirklich?
Warum viele Menschen das feiern
1. Niedrige Einstiegshürde
Fast jeder kann mitreden. Niemand fühlt sich ausgeschlossen.
2. Emotion schlägt Handwerk
Erinnerungen an Zuhause, Studentenzeit, Feierabend. Das zählt mehr als Technik.
3. Müdigkeit vom Perfektionismus
Nach Jahren von Hochglanz-Food-Fotografie wirkt Einfachheit fast befreiend.
4. Zustimmung ist billig
Ein Like kostet nichts. Kritik kostet Energie. Also wird gelobt.
Der stille Verlust
Was dabei auf der Strecke bleibt, ist nicht Luxus.
Sondern Neugier.
-
neue Zutaten
-
andere Küchen
-
echte Kochtechniken
-
Geschmack jenseits von „kennt man“
Wenn alles großartig ist, ist am Ende nichts mehr besonders.
Persönliche Einschätzung
Ich habe nichts gegen einfache Gerichte. Im Gegenteil. Gute Küche lebt oft von Reduktion.
Was mich stört, ist die Verwechslung von simpel und herausragend.
Ein Spiegelei kann perfekt sein. Aber es wird nicht besser, nur weil es gefilmt wurde.
Vielleicht müssten wir wieder öfter fragen:
Schmeckt das wirklich gut – oder fühlt es sich nur vertraut an?
FAQ – häufige Fragen aus der Praxis
Warum funktionieren einfache Gerichte auf Social Media besser?
Weil sie sofort verstanden werden. Kein Kontext nötig, keine Erklärung, kein Risiko.
Heißt das, komplexe Küche hat keine Chance mehr?
Doch, aber sie braucht ein anderes Publikum. Und oft andere Plattformen.
Ist das ein Zeichen für sinkenden Geschmack?
Nicht zwingend. Eher für veränderte Aufmerksamkeitsspannen.
Warum wird so wenig kritisiert?
Weil Kritik Reichweite kostet. Zustimmung bringt Likes.
Gibt es noch guten Food-Content?
Ja. Er ist nur leiser geworden. Man muss ihn suchen.
Sollte man sich darüber ärgern?
Ärgern bringt wenig. Bewusster konsumieren hilft mehr.
Labels/Tags:
Food Social Media, Instagram Food Trends, TikTok Rezepte, Esskultur, Kochkultur, einfache Gerichte
Meta-Beschreibung:
Warum einfache Pasta, Döner & Spiegeleier auf Social Media gefeiert werden – und was das über unseren Anspruch an Essen verrät.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen